Sturz mit Folgen (Teil 2)

Im Grunde hätte mir die Radiusköpfchenfraktur aufgrund meines Sturzes beim Laufen gereicht. Es ist schlimm genug, dass sie erst nach drei Wochen diagnostiziert wurde und sich aus diesem Grund die Heilung verzögerte. Doch wenige Tage nach der Diagnose des gebrochenen Speichenköpfchens bemerkte ich eine weitere Folge des Sturzes…

Donnerstag, 31. Dezember 2015: Zum Jahresabschluss laufe ich meine 10,5km Hausrunde; den Ellbogen schön in der Orthese eingepackt geht das auch schmerzfrei. Nach etwa 3 Kilometer spüre ich abermals deutlich meine linke Hüfte, auf die ich ebenfalls gestürzt bin. Nach über drei Wochen ist der handtellergroße Bluterguß noch immer nicht verschwunden. Farblich zwar deutlich verblasst kann man dennoch eine schmerzhafte Stelle ertasten, die sich genau über dem Trochanter major befindet, dem seitlichen Knochenvorsprung des Oberschenkelknochens, auf den ich ebenfalls gestürzt bin. Etwas schmerzhaft war dieser Bereich seither eigentlich immer, aber da dachte ich mir nichts dabei, denn ein Bluterguß tut eben auch weh und braucht seine Zeit, bis er sich auflöst.

Doch nun ist es irgendwie intensiver; ich spüre den Bereich deutlich bei jedem Schritt. Verschiedene Gedanken gehen durch den Kopf, während ich die restlichen Kilometer zurücklege. Hat sich der Bluterguß abgekapselt? Ist der Schleimbeutel über dem Trochanter major beleidigt? Habe ich mir etwas gezerrt? Habe ich eigentlich schonmal erwähnt, dass ich den Winter nicht mag? Zuhause angekommen kommt die Blackroll zum Einsatz und es wird auch gedehnt. Ausfallschritt mit Dehnung der Hüftmuskulatur ist sehr unangenehm. Als ich dann später am Abend auf dem linken Bein kaum mehr auftreten kann und sogar beidbeiniges Stehen schmerzvoll ist, wird mir bewusst, dass abermals etwas kürzer treten angebracht ist.

Die kommenden zwei Tage steht Rollentraining am Programm, was fast schmerzfrei möglich ist. Ich habe beim Treten das komische Gefühl, dass etwas am Trochanter major “reibt” bzw. “zieht”. Wiederum denke ich an eine Verkapselung oder den Schleimbeutel, denn der Schmerz beim Auftreten ist glücklicherweise so schnell verschwunden wie er kam.

Sonntag, 3. Jänner 2016: Es schneit und ich entscheide, eine kurze Runde im Schnee zu laufen. Nach zwei Tagen auf der Rolle zieht es mich förmlich ins Freie. Eine kurze, gemütliche Runde im frischen Schnee… schnell geht bei solchen Verhältnissen ohnehin nicht und ich muss aufpassen, dass ich nicht wieder stürze. Ein kleines Hineinfühlen, wie es dem Trochanter geht. Ich laufe los, ganz gemächlich, es scheint alles in Ordnung zu sein, nur ein leichtes — aber wirklich ganz leichtes — Ziehen in der Problemregion, welches ich auch von der Rolle kenne und für mich kein Abbruchkriterium darstellt. Während ich mich freue, Spuren im Schnee zu hinterlassen, wird mir auch bewusst, wie anstrengend das Laufen auf diesem Untergrund ist.

Nach etwa 4 Kilometer ist der alte Schmerz wieder voll da und ich versuche es auf das ungewohnte Laufen im Schnee zu schieben. Nun folgt ein kleiner Hügel, kaum der Rede wert, ist eher eine kleine Welle in der Landschaft, die ich normalerweise beim Laufen fast nicht wahrnehme. Doch das ist diesmal anders. Ich möchte den Hügel zügig und mit Schwung in Angriff nehmen, aber bereits beim ersten Schritt durchfährt ein krampfend-brennender Schmerz den linken Oberschenkel. Erster Gedanke: Verdammt, jetzt hab ich mir auch noch den Hamstring gezerrt! (Eine Hamstring-Zerrung war damals zu Beginn meiner “Laufkarriere” meine erste Verletzung.) Zweiter Gedanke: Da ist wirklich etwas gröberes nicht in Ordnung und es wird wohl auf einen weiteren Besuch beim Unfallchirurgen hinauslaufen. Jeder Schritt ist eine Qual, aber irgendwie schaffe ich die verbleibenden 2,5 Kilometer nach Hause. Dann später am Abend das gleiche “Drama” wie zu Silvester: Auftreten mit dem linken Bein nicht möglich. OK, Dienstag zum Arzt. So kann das nicht weitergehen.

Dienstag, 5. Jänner 2016: Déjà-vu: Ohne Termin beim Unfallchirurgen wie vor einer Woche. Großer Andrang. Kurze Wartezeit. Untersuchung mit Ultraschall, Schleimbeutel ist leicht entzündet, aber nichts dramatisches. Dann Überweisung zum Röntgen und gleich mit den Bildern zurück in die Praxis. Das Hüftröntgen ist ohne Befund. Ich erhalte ein Rezept für entzündungshemmende Tabletten und die Anweisung, die Hüfte bzw. das Bein für eine Woche zu schonen. Wenn keine Besserung eintritt, komme ich wohl um ein MRT nicht herum. Praktischerweise habe ich kommenden Dienstag ohnehin einen Kontrolltermin (bezüglich der Radiusköpfchenfraktur) und da wird sich zeigen, ob ich in die Röhre muss.

Samstag, 9. Jänner 2016: Nach einigen Tagen der Schonung und Besserung der Beschwerden setze ich mich auf die Rolle, um ein kurzes Koppeltraining zu versuchen. Ich radle 40 Minuten, ehe ich mit dem Vorsatz bei Schmerzen das Training sofort abzubrechen aufs Laufband steige. Das ist ja ein großer Vorteil von einem Laufband, dass man jederzeit aufhören kann und sich nicht Gedanken machen muss, wie man nach Hause kommt. Ich laufe langsam los, steigere nur langsam die Geschwindigkeit und pendle mich auf gemütliche 10km/h bzw. 6:00min/km ein. Fünf Minuten, zehn Minuten, 15 Minuten… und dann war der Schmerz wieder da. In seiner ganzen Intensität und mit all seinen Folgen. Nach 20 Minuten breche ich ab und humpel vom Laufband. Den restlichen Abend ist ein Auftreten wieder nicht möglich. Nun habe ich die Gewissheit, dass ich einen Ausflug in die Röhre machen muss, um herauszufinden, was da los ist.

Dienstag, 12. Jänner 2016: Am Vortag war ich zum Kontrollröntgen des linken Ellbogens und mit den Bildern hinke ich abermals zum Kontrolltermin beim Unfallchirurgen. Normales Gehen ist nicht möglich und auch das Humpeln ist nicht schmerzfrei. Zuerst die gute Nachricht: Das gebrochene Speichenköpfchen zeigt erste Zeichen der Heilung. Dann die schlechte Nachricht bezüglich meiner Hüfte: Verdacht auf Knochenprellung (Bone Bruise). Das lässt sich nur durch eine MRT-Untersuchung feststellen. Der nächste freie Termin für ein MRT ist in 6 Wochen, also im März. Das kommt für mich nicht in Frage, so lange kann und will ich nicht warten, also entscheide ich mich, das MRT privat machen zu lassen. So erhalte ich binnen von zwei Tagen einen Termin.

Donnerstag, 14. Jänner 2016: Es geht ab in die Röhre! Das ist nicht mein erstes MRT, denn 2011 wurde mein rechtes Knie im MRT untersucht, wo man den hochgradigen Knorpelschaden diagnostizierte. Meine Erinnerung an die Untersuchung stimmen mich eher nervös; ich leide zwar nicht unter Platzangst, aber damals beim Knie war ich froh, dass man mich mit den Beinen voraus in die Röhre schob und der Oberkörper “im Freien” war. Gut, das war auch im Hochsommer, trotz Klimaanlage war es im MRT-Raum irgendwie heiß und die Röhre erschien mir mit ihrem 60cm Durchmesser dennoch recht eng. Doch das ist diesmal ja anders; es ist Winter und ich komme ins nagelneue MRT-Gerät mit 70cm Durchmesser. Ansonsten einfach Augen zu und durch!

Ich werde pünktlich zu meinem Termin aufgerufen, lege mich auf die eher unbequeme Liege, erhalten Kopfhörer mit Radio Kärnten und werde wie erwartet mit dem Kopf voraus in die Röhre geschoben. Es ist angenehm luftig im Tunnel und am höchsten Punkt der “Kuppel” ein Strich aufgeklebt, damit man — wie ich vermute — einen Anhaltspunkt hat und nicht ins leere Weiß starrt. OK, das ist nicht so schlimm wie erwartet, das ist kein Problem, einfach ruhig liegen und abwarten. Dann geht auch schon das Geklopfe und Geknarre los; da helfen auch keine Kopfhörer mit Schlager-Beschallung, das ist einfach zu laut. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich in der Röhre war, aber es kam mir nicht sonderlich lange vor. Gefühlt dauerte es beim Knie-MRT länger. Jedenfalls vergeht die Zeit schnell. Nach der Untersuchung bittet mich die Assistentin, noch kurz in der Kabine zu warten, da ein Arzt sich gerade die Bilder ansieht und das Ergebnis mit mir besprechen möchte.

Auch hier lässt man mich nicht lange warten. Ein junger, dynamischer Arzt kommt zu mir in die Kabine und setzt sich mit den Bildern neben mich. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, aber es fallen die Worte “Fraktur” und “Frakturlinie”. Das trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht und ich bin geschockt. Welche Details der wirklich freundliche Arzt mir da mitgeteilt hat… ich weiß es nicht mehr. Ich schaffe es noch daran zu denken zu fragen, wann ich die Bilder und den Befund erhalte, aber mehr nicht. Völlig erstarrt hinke ich aus der Kabine und hole am Empfang die Bilder ab, ehe ich das Diagnoseinstitut verlasse. Ich realisiere nicht wirklich, was man mir da soeben mitgeteilt hat.

Freitag, 15. Jänner 2016: MRT-Befundsbesprechung beim Unfallchirurgen. Nach wie vor ist mir die Tragweite dieser Diagnose nicht bewusst. Abermals humple ich ins Behandlungszimmer. In klaren Worten erklärt mir der Unfallchirurg das “Problem” anhand der MRT-Bilder. Seine Verdachtsdiagnose Knochenprellung (Bone Bruise) hat sich bestätigt. Aber das ist nicht alles. Neben dem Bone Bruise habe ich auch zwei Frakturlinien knapp unterhalb des Oberschenkelhalses. Fraktur. Also Bruch. Ein klassischer Fall für ihn: Ich bin außen auf den Trochanter major gestürzt und auf der Innenseite in der Nähe des Trochanter minor befinden sich die Frakturlinien. Soweit die Diagnose. Die Therapie? Da die Fraktur nicht verschoben ist, keine OP sondern “nur” Teilentlastung für 4 Wochen, d.h. kein Sport und Unterarmgehstützen. Ich werfe ein, dass ich nicht mit zwei Krücken gehen kann, weil ich mich mit dem linken Arm nach wie vor nicht abstützen kann. Nun, das ist egal, das Bein muss entlastet werden, ansonsten bleibt nur der Rollstuhl, wennst mit Krücken nicht geht.

Nicht dislozierte Fraktur am Trochanter minor und entlang der pertrochantären Linie mit fokalem Bone Bruise

Nicht dislozierte Fraktur am Trochanter minor und entlang der pertrochantären Linie mit fokalem Bone Bruise

Plötzlich wird mir Tragweite der Diagnose bzw. Behandlung bewusst und ich breche in Tränen aus. Verdammt! Damit hätte ich niemals gerechnet. Noch eine Fraktur! Grundgütiger, mir hätte eine gereicht. Oberschenkelhals brechen sich sonst ja nur die älteren Damen! Kein Sport für 4 Wochen? Wie soll ich das durchstehen? Sport und Bewegung gehören so zentral zu meinem Wohlbefinden, dass ich ohne krank werde. Am absoluten Tiefpunkt dieser Sturzgeschichte angekommen und am Boden zerstört lasse ich mir einen Kontrolltermin in zwei Wochen geben, ehe ich hinkend am Weg zum Auto im Orthopädie-Geschäft zwei Krücken abhole. Mit einer Krücke am rechten Arm geht das Gehen durch die Teilentlastung nahezu schmerzfrei. Die Aussicht, nun 4 Wochen am Stock durch die Gegend zu hinken, ist nicht gerade förderlich für meine Verfassung. Ich rufe mir öfters die Worte des Unfallchirurgens ins Gedächtnis, als er meinte, ja für einen Ausdauersportler wie mich ist so eine Diagnose eine Katastrophe, keine Frage, das ist wie ein Sturz einer Profi-Schiläuferin: Zuerst ein Riesenschock, aber nach zwei Tagen ist das verarbeitet und die Profis fangen an, Pläne zu schmieden und gezielt an ihrem Comeback zu arbeiten. Damit schließe ich den zweiten Teil des “Sturz mit Folgen”, denn ab nun geht es wieder aufwärts!

One thought on “Sturz mit Folgen (Teil 2)

  1. Hansi

    Hallo Andrea.
    Das tönt ja wirklich voll krass, was Dir da widerfahren ist.
    Aber wie heisst es so schön? Wir Sportler und Ausdauer-Athleten sind Kämpfer.
    Du packst Das!

    Gruss aus der Schweiz
    Hansi

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